Schiene und Straße stoßen schon heute an ihre Kapazitätsgrenzen; bis 2025 rechnen Experten mit einem weiteren Wachstum des Güterverkehrs von ca. 70%. Die sich abzeichnenden Mehrmengen werden nur unter verstärkter Einbeziehung des Verkehrsträgers Binnenschiff zu bewältigen sein. Die Bundesregierung hat deshalb mit dem Koalitionsvertrag ein klares Bekenntnis zum Erhalt und Ausbau der Wasserstraßen abgegeben.
Vor diesem Hintergrund hat Staatssekretär Enak Ferlemann aus dem Bundesverkehrsministerium am 19. November 2012 in seinem Vortrag zum Thema „Binnenschifffahrt – Verkehrsträger der Zukunft“ bei der IHK Braunschweig mit den Worten „Pacta sunt servanda“ den Beschluss zum ökonomisch und ökologisch notwendigen Ausbau des Stichkanals Salzgitter (SKS), der vom Mittellandkanal abzweigt, bekräftigt. Der geplante Ausbau bis 2018 trägt zu verlässlichen Rahmenbedingungen als Grundlage kontinuierlicher Entwicklung in der Region und zur Standortsicherung bei. Die betroffenen Unternehmen in der Region Braunschweig/ Salzgitter/ Nordharz haben diese Ankündigung erfreut aufgenommen und bereits in ihre Investitionsplanungen einfließen lassen.
Die Bedeutung des größten norddeutschen Binnenhafens Salzgitter als Zugang der Region Südostniedersachsen wie auch des westlichen Sachsen-Anhalts zum ökologisch vorteilhaften Wasserstraßennetz wird daher in den kommenden Jahren weiter steigen:
- Der Salzgitter-Konzern ist mit Blick auf sein milliardenschweres Investitionsprogramm 2007 – 2012 sowie die eingeleiteten Restrukturierungsmaßnahmen an den Stahlstandorten in Salzgitter und Peine auf den Ausbau des SKS angewiesen. Mit dem im letzten Jahr begonnenen Großprojekt „Kohleeinblasanlage“ für knapp 70 Mio. Euro werden ab 2016 zusätzliche Kohletransporte in der Größenordnung von ca. 500.000 t einhergehen.
- Auch andere SKS-Anrainer haben aufgrund der politischen Zusage bereits mit dem Ausbau ihrer Anlagen begonnen: So wird beispielsweise die Firma Fromme Landhandel in den kommenden Monaten eine neue Umschlaganlage für zusätzliche 200.000 t Getreide in Betrieb nehmen. Auch die Firma Cargill, die unter anderem hochwertiges Malz für Brauereien herstellt und mit Getreide handelt, verfügt seit letztem Jahr über deutlich gesteigerte Produktionskapazitäten, welche zu weiteren 200.000 t Transportaufkommen auf dem SKS führen werden.
Es kann deshalb davon ausgegangen werden, dass sich das Transportaufkommen auf dem SKS ab dem Jahr 2016 auf 3,5 bis 4,0 Mio. t Tonnen erhöhen wird.
Der unverzügliche Ausbau des 75 Jahre alten SKS sowie die Modernisierung der weitestgehend unveränderten, (energie-)ineffizienten Abstiegsbauwerke zur Befahrbarkeit des Kanals mit Schiffen der Kategorie ÜGMS oder mit Koppel- oder Schubverbänden von 185 Metern Länge sind elementare Voraussetzungen, um das Binnenschiff in den nächsten Jahrzehnten wirtschaftlich und zum Nutzen der Umwelt sinnvoll in der Region einsetzen zu können.
Die hierfür anzusetzenden Kosten von rund 190 Mio. Euro enthalten zwischen 100 und 150 Mio. Euro unvermeidbaren, ohnehin anfallenden Instandhaltungsaufwand. Die Restsumme ist der Anpassung des SKS und seiner Abstiegsbauwerke auf den Stand der Technik geschuldet. So muss heute immer noch das gesamte Schleusungswasser von rund 25.000 m³ vollständig zurückgepumpt werden. Ein aus heutiger Sicht weder ökologisch noch ökonomisch vertretbarer Prozess!
Dies sahen übrigens auch schon die Bauherren Ende der 1930er Jahre so, allein die Vorgabe einer äußerst kurzen Bauzeit verhinderte den Einbau effizienter Sparbecken. Durch Ausführung der Schleusenkammern mit Sparbecken sowie kommunizierenden Röhren ließen sich die Pumpvolumina fast halbieren und pro Jahr mehr als 3 Mio. kWh Strom einsparen.
Hintergründe zum Stichkanal Salzgitter
Lage
Der Stichkanal Salzgitter mit einer Gesamtlänge von knapp 18 km zweigt westlich von Braunschweig vom Mittellandkanal ab. Im Stichkanal arbeiten zwei Doppelschleusen (Wedtlenstedt und Üfingen), mit denen ein Höhenunterschied von rund 18 Metern überwunden wird.
Historie
Die Region zwischen Weser und Elbe wurde zwischen 1916 und 1938 durch den Bau des Mittellandkanals erschlossen. Damals wurde erkannt, dass eine solche Hauptmagistrale alleine nicht ausreichend ist und dass der volle wirtschaftliche Nutzen nur durch die Erschließung weiterer Bereiche und den Bau von Stichkanälen, wie z.B. in Salzgitter, erreicht werden kann. Mit dem 1940 fertiggestellten Stichkanal erhielten deshalb die Region Salzgitter und der Vorharz eine direkte und vollwertige Anbindung an das europäische Wasserstraßennetz.
Damals sind beim Bau großzügige Abmessungsmaßstäbe angelegt worden, so dass die Kapazität der Wasserstraße bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts den stetig steigenden Anforderungen gerecht werden konnte.
In den 1970er Jahren erfolgte dann der weitere, aber nur halbherzige Ausbau.
Halbherzig bedeutet, dass man:
- von den vorhandenen Doppelschleusen lediglich jeweils eine Kammer den Parametern des damals üblichen Europaschiffes (85 m, 9,60 m, 2,50 m) angepasst hat und
- den Streckenausbau so sparsam betrieben hat, dass voll abgeladene Schiffe ab einer bestimmten Breite nur noch im Richtungsverkehr fahren können sowie Wartezeiten zur Begegnungsvermeidung hinnehmen müssen.
Noch heute ist der Stichkanal nach Salzgitter für Schiffe sowie Schub- und Koppelverbände mit einer Breite größer 9,60m auf eine maximale Abladetiefe von 2,50m begrenzt.
Bereits 1994 wurden jedoch die Ausbauparameter in Übereinstimmung mit dem übrigen Ausbau transeuropäischer Wasserwege neu festgelegt. An die Stelle des Europaschiffes rückten europaweit nun das Großmotorgüterschiff GMS (110m, 11,45 m, 2,80 m) und der große Schubverband (185 m, 11,45 m, 2,80 m). Wenn man heute mit solchen Transportmitteln auch nach Salzgitter fahren möchte, so geht dies nur mit einer Minderauslastung des Großmotorgüterschiffes um 300t bzw. des Schubverbandes um 600t. Ein erheblicher wirtschaftlicher Nachteil für die Region Salzgitter und den Vorharz!